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 Historisches
Lord Knut Offline



Beiträge: 25
Punkte: 49

27.01.2019 22:02
Das Leben der Anderen antworten

Der Film „Das Leben der Anderen“ aus dem Jahr 2006 wurde zu einem Welterfolg. Für den Schriftstiller Christoph Hein, auf dessen Biografie das Drehbuch basieren soll, ist das preisgekrönte Werk des Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck jedoch nichts anderes als „bunt durcheinandergemischter Unsinn“ und ein „Gruselmärchen“.

Heins Gastbeitrag erschien am Donnerstag bei der „Süddeutschen Zeitung“. Darin erzählt er, warum er seinen Namen aus dem Film streichen ließ und damit wohl die Chance verpasste, weltberühmt zu werden.

Der Schriftsteller beschreibt seine erste Begegnung mit dem Filmregisseur Von Donnersmarck. Im Jahr 2002 habe ein befreundeter Schauspieler, Ulrich Mühe, angerufen und gefragt, ob er ihn zusammen mit einem Regisseur für ein Gespräch aufsuchen könne. Wenige Stunden später traf sich Hein mit den beiden in einem Gartenlokal.

Der junge Filmemacher habe seinen Block hervorgeholt und Hein gebeten, sein Leben in der DDR zu beschreiben. Denn er beabsichtige, einen Film zu diesem Thema zu drehen.
Vier Stunden lang habe er mit Von Donnersmarck gesprochen. Der Regisseur habe sich einiges aufgeschrieben und sich am Ende herzlich bedankt. Nun wisse er doch über das Leben in Ostdeutschland Bescheid, wisse, „wie es in dieser Diktatur zugegangen sei“.

Vier Jahre später sei er zur Premiere des Filmes eingeladen worden, so der Autor. Als Hein seinen eigenen Namen im Vorspann sah, war er nach eigenen Worten überrascht. Am Tag darauf habe er den Regisseur in einem Brief aufgefordert, seinen Namen aus dem Vorspann zu streichen.

Denn der Film „Das Leben der Anderen“ erzähle nicht von seinem Leben: „Alles, was ich ihm ein paar Jahre zuvor erzählt hatte, war von ihm bunt durcheinandergemischt und dramatisch oder vielmehr sehr effektvoll melodramatisch neu zusammengesetzt worden.“

Der Regisseur sei über die Bitte überrascht gewesen und habe gesagt, er habe lediglich in aller Öffentlichkeit seine Dankbarkeit bekunden wollen.

Auf der Leinwand hatte Hein eine Anspielung an seine Anti-Zensur-Rede von 1987 erkannt, obwohl der Held im Film einen Artikel über Selbstmord schreibt – ein ebenfalls heikles Thema in der ehemaligen DDR.

Die Änderung habe ihn nicht gestört. Vielmehr sei problematisch, dass der Film das Leben in der DDR der späten 80er Jahre zeigen soll.
Aus diesem Grund sei die Tatsache, dass der Filmheld „seine Arbeit konspirativ anfertigen“ müsse, sie auf einer „dramatisch versteckten Schreibmaschine“ schreibe, das Manuskript „in Agentenmanier in den Westen“ schmuggle, dass er, der einer der berühmtesten Autoren des Landes sein soll, samt seiner Freundin, ebenfalls sehr berühmt, „von der Staatssicherheit abgehört und lebensbedrohend bedrängt“ werde — all das sei „bunt durcheinandergemischter Unsinn“.

Die Staatssicherheit habe seine Wohnung zwar tatsächlich für ein „Dreivierteljahr insgeheim verwanzt“, schreibt Hein. Wegen einer Flugblattaktion sei er in ihr Visier geraten. „Aber damals war ich ein Student und es waren die Sechzigerjahre.“

In den Achtzigern habe es inzwischen anders ausgesehen: „Der Staat bekam allein mit Repressionen seine Untertanen nicht mehr in den Griff, die Ausreiseanträge mehrten sich, viele geschätzte Künstler verabschiedeten sich für immer, die Grenze wurde durchlässiger.“

Mein Leben verlief völlig anders. Aber diese Wahrheit ist für ein Melodrama ungeeignet“, so Hein.

Um Wirkung zu erzielen, brauche es ein „Schwarz-Weiß“. Es würden Helden und teuflische Schurken benötigt.
Den Regisseur habe seine Bitte, den Namen zu streichen, sehr verärgert. Von Donnersmarck habe seitdem erzählt, er habe sich von der Biografie des Liedermachers Wolf Biermann inspirieren lassen.

„Das ist natürlich völlig unsinnig, denn Biermann hatte man zwölf Jahre zuvor die Staatsbürgerschaft entzogen, so dass er in den entscheidenden Jahren des Zusammenbruchs des Staates und in dem Zeitraum, in dem der Film spielt, nicht im Land sein konnte.“

Der Autor des Beitrags zeigt sich aber verständnisvoll: Er wisse, dass es „neben der Wahrheit noch die melodramatische Wahrheit“ gebe und „neuerdings die alternativen Fakten“.

Zum Schluss erzählt Hein eine interessante Geschichte: Zehn Jahre nach der Filmpremiere habe ein Professor der Germanistik seine Anti-Zensur-Rede von 1987 mit seinen Studenten besprochen. Die Studenten hätten den Professor gefragt, wie viele Jahre Gefängnis der Autor wegen dieses Textes bekommen habe. Der Professor habe erwidert, der Autor sei nicht ins Gefängnis gekommen.

Darauf hätten die Studenten gemutmaßt, dass die Rede wohl erst nach 1989, also nach der Wende, geschrieben worden sei. Auch diesmal habe der Professor erwidert, er selbst habe sie bereits 1987 gelesen.

„Das sei unmöglich, beharrten die Studenten, so könne es nicht gewesen sein, sie wüssten das ganz genau, weil sie ja den Film,Das Leben der Anderen‘ gesehen hätten. Man sei, sagte der Professor zu mir, nach diesem Seminar in Unfrieden voneinander geschieden.“

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